Achtsamkeitspraktiken
„Die Glocken der Achtsamkeit rufen uns zu, sie versuchen uns aufzuwecken, sie erinnern uns daran, genau hinzuschauen, welche Auswirkungen unsere Lebensweise auf diesen Planeten hat“ (Thích Nhất Hạnh)
Sitzmeditation
Während du Sitzmeditation übst musst du vollkommen gelassen sein. Jeder Muskel deines Körpers sollte entspannt sein, deine Gesichtsmuskeln eingeschlossen. Am wirkungsvollsten entspannst du die Muskeln deines Körpers, indem du beim Atmen leise lächelst. Die Wirbelsäule solltest du möglichst aufrecht halten, ohne jedoch den Körper zu verspannen. Diese Haltung wird dich entspannen. Und du kannst das Gefühl der Gelassenheit genießen. Gib dir nicht allzu viel Mühe, streng dich nicht an, kämpfe nicht. Lass los, während du sitzt. Damit verhinderst du Schmerzen im Rücken, in den Schultern oder im Kopf. Du musst bloß sitzen. (aus Thích Nhất Hạnh: Und ich blühe wie eine Blume)
Gehmeditation
Geh Meditation ist eine Meditationsübung im Gehen. Sie kann dir Freude bringen, während du übst. Bei der Gehmeditation sollten deine Schritte langsam, entspannt und ruhig sein. Lass ein Halblächeln auf deinem Gesicht sein.
Du solltest gehen wie jemand, der völlige Ruhe hat und gänzlich unbeschäftigt ist. Während du solche Schritte machst, lass alle Sorgen, alle Trauer von dir abfallen. Um voller Frieden zu sein, musst du fähig werden auf diese Weise zu gehen. Es ist gar nicht so schwer, du kannst es. Jeder Mensch kann es, wenn er oder sie wirklich in Frieden sein möchte. (aus Thích Nhất Hạnh: Der Geruch von frisch geschnittenem Gras)
Achtsames Essen
Bewusst und achtsam eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, ist eine sehr wichtige Übung. Wir schalten den Fernseher aus, legen die Zeitung beiseite und arbeiten gemeinsam 5 oder 10 Minuten, indem wir den Tisch decken und alles erledigen, was noch getan werden muss. Diese wenigen Minuten können uns sehr glücklich machen. Wenn das Essen auf dem Tisch steht und jeder sich hingesetzt hat, machen wir dreimal folgende Atemübung: „Ich atme ein und entspanne meinen Körper. Ich atme aus und lächle.“ Diese kurze Atemübung kann uns wieder vollkommen ins Gleichgewicht bringen. Beim Ein- und Ausatmen schauen wir jeden an, der mit uns am Tisch sitzt, damit wir zu uns selbst und allen anderen am Tisch Verbindung aufnehmen. Wir brauchen nicht unbedingt 2 Stunden Zeit, um einen anderen Menschen wahrzunehmen. Wenn wir wirklich in uns ruhen, reichen ein paar Sekunden aus, um unserem Freund wahrhaftig zu begegnen. Eine fünfköpfige Familie braucht nur ungefähr 5 oder 10 Sekunden, um dieses „Anschauen und Wahrnehmen“ zu üben. Nach dieser Atemübung lächeln wir alle einander zu. Nach der Atemübung und dem Lächeln betrachten wir die Mahlzeit, die vor uns auf dem Tisch steht und machen uns erst einmal das Essen bewusst. Dieses Essen offenbart uns unsere Verbindung mit der Erde. Jeder Bissen das Leben der Sonne und der Erde. Wie sehr das Essen sich uns offenbart, hängt ganz von uns selbst ab. Wir können das ganze Universum in einem einzigen Stückchen Brot sehen und schmecken! Bevor wir also anfangen zu essen, denken wir ein paar Sekunden über unsere Mahlzeit nach. Dann essen wir achtsam und bewusst und können dabei tiefes Glück empfinden. (Aus Thích Nhất Hạnh: Klar wie ein stiller Fluss)
Tee trinken
Diese Tasse Tee in meinen Händen –
meine Achtsamkeit ist aufrechterhalten!
Mein Geist und mein Körper
haben sich vollkommen
im Hier und Jetzt niedergelassen.
Erst wenn wir Geist und Körper miteinander vereint haben und vollkommen achtsam und bewusst sind, sind wir wir selbst und können dem Tee begegnen. Wenn der Tee Wirklichkeit wird, werden auch wir Wirklichkeit. Leben geschieht genau in dem Augenblick, indem wir den Tee wahrhaftig begegnen. Wir trinken den Tee und sind uns vollkommen bewusst, dass wir den Tee trinken. Das Teetrinken wird in diesem Augenblick zur wichtigsten Sache des Lebens. Das ist die Übung der Achtsamkeit. (aus Thích Nhất Hạnh: Klar wie ein stiller Fluss)
Tiefenentspannung
Tiefenentspannung ist ebenfalls eine Meditation. Wir liegen ganz ruhig und entspannt auf dem Rücken – es gibt nichts zu tun und nirgends hinzugehen. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft ist noch nicht da. Wir lassen all unsere Projekte in der Gegenwart los. Dies ist eine Zeit, in der wir ganz allein für uns da sein können. Wir liegen still mit geschlossenen Augen und genießen das Liegen, das Atmen und die Stille. So vorbereitet lauschen wir der Stimme dessen, der die Tiefenentspannung anleitet und uns auf eine Reise durch unseren Körper begleitet.
Chanten
In fast jeder spirituellen Tradition ist Singen eine wichtige Übung. Die christlichen Nonnen und Mönche preisen Gott in wunderschönen Chorälen. In unserer Tradition singen (chanten) wir Achtsamkeitslieder, Sutren (Lehrreden des Buddha) und Anrufungen der Bodhisattvas (große Wesen). Dabei geht es nicht darum, besonders schön oder korrekt zu singen, sondern darum von und mit ganzem Herzen zu singen. Ganz hier und jetzt und bei jedem Ton und jedem Wort zu sein. Gesungenes lässt sich in unserem Körper und unserem Herzen nieder und bleibt dort abrufbereit für den Moment, in dem wir die Worte und Töne brauchen.
Arbeitsmeditation
Im Frühjahr und im Herbst trifft sich unsere Sangha zur Arbeitsmeditation in unserem Garten. Es geht dabei darum, in Ruhe und mit aller Liebe und Achtsamkeit zu arbeiten. Nicht schnell, nicht effektiv soll es sein, sondern ruhig und liebevoll. Jeder Handgriff ist voll Achtsamkeit und wir genießen das gemeinsame Tun. In fast allen Praxiszentren gibt es diese Form der Meditation, bei der wir lernen können, ganz und gar gegenwärtig in unserem Tun zu sein und alles, was wir bisher über das Arbeiten gelernt haben hinter uns zu lassen.
Erdberührungen
Wenn wir die Erde berühren, nehmen wir zu ihr Zuflucht. Sie gibt uns ihre stabile und allumfassende Energie. Die Erde umarmt uns und hilft uns, unsere Unwissenheit, unser Leiden und unsere Verzweiflung zu transformieren. Wir können mit der Erde in Kontakt sein, wo auch immer wir gerade sind. Wir können uns vor der Erde verneigen, uns ihr fügen, wo immer wir gerade sind, um ihre Energien von Stabilität und Furchtlosigkeit zu empfangen. Wenn wir die Erde berühren, können wir unserem Atem folgen. Wir lassen unsere Instabilität, unsere Furcht, unsere Sorgen, Krankheit und Ärger los. Wir wissen, dass die Erde unsere Negativität absorbieren kann, ohne auf uns zu reagieren und ohne über uns zu urteilen. Auf diese Weise sind wir dazu fähig die Dinge in uns, die schmerzhaft und schwer zu akzeptieren sind, zu transformieren. (aus: Thích Nhất Hạnh: Ich berühre die Erde)